ihre Nebenmenschen wie allerorten in dieser unvollkommenen Welt. Eines Tages ward die Stadt C. durch eine Annonce überrascht, welche sich in dem täglich erscheinenden Blättchen, scharf umrändert und groß gedruckt, auf der letzten Seite befand: „Gesucht sofort eine große Wohnung von zwölf bis fünfzehn Zimmern mit Stallung und Nebengelassen. Eventuell wird auf ein ganzes Haus reflektiert. Man beliebe sich--“ u.s.w. Die Neugierde, welche sich zunächst an den Stammtischen der Ressourcen kundgab, ward nicht sogleich befriedigt. Selbst der Redakteur der C.schen Zeitung wußte keine Auskunft zu geben. Endlich lösten sich die Zweifel. Einer der Husarenoffiziere war vor einiger Zeit versetzt worden, und in dem Wohnungssuchenden entdeckte man den neuen Rittmeister. Zu gleicher Zeit verbreiteten sich allerlei Gerüchte über die Ankömmlinge, welche geeignet waren, die Gemüter zu beschäftigen. Von ihm wurde behauptet, daß er zwar ein vollendeter Kavalier und ein gerechter Vorgesetzter sei, aber von einer so finsteren Schwermut beherrscht werde, daß er den Umgang mit Menschen ängstlich meide, während man ihr neben großer frappanter Schönheit Verschwendungs- und Vergnügungssucht, ja sogar einen leichtfertigen Lebenswandel nachsagte. Erhebliche Erbschaften sollten schon durch ihre Finger geglitten sein, und es ward als ein Glück bezeichnet, daß sich der übrigens große Reichtum des Grafen auf unantastbare Fideikommißkapitalien stütze. Die Frau Gräfin gliche, hieß es, einer heißbrennenden Sonne, vor welcher der eisigste und umfangreichste Goldhügel zerschmelzen müsse. In jedem Fall war man sehr gespannt auf die neue Bekanntschaft, und in Offizierskreisen ward eifrig überlegt, welche Stellung man zu einer Frau einnehmen solle, der ein solcher Ruf voranging. Sehr angenehm ward von diesem Wechsel ein Bauunternehmer berührt, der eine von einem parkähnlichen Garten umschlossene große Villa gleich vor der Stadt besaß und nun um einen hohen Preis einem Mieter fand. Der Graf ließ sich Zeichnungen und genaue Beschreibungen einsenden und bewilligte eine ganz erhebliche Summe zur Verschönerung der inneren, ursprünglich für einfachere Ansprüche berechneten Räume. So wurden beispielsweise sämtliche Gesellschaftszimmer in mattgrüner und blauer Seide tapeziert, und das ganze Haus erhielt einen genau im Muster übereinstimmenden, hellen Teppich in Flur und sämtlichen Gemächern. Aber auch sonst wurden Veränderungen getroffen, welche das Besitztum zu einem fast fürstlichen Aufenthalt umwandelten. Die Thüren mußten ebenholzdunkel gemalt und mit Arabesken in Gold versehen werden. Die Öfen wichen zum Teil Kaminen aus schwarzem oder rotem Marmor, und die Außenwände der Villa wurden durch eine zartgraue Ölfarbe verschönt, wodurch sich das „Schlößchen“ reizend von den umgebenden grünen Bäumen abhob. Geradezu Bewunderung erregten aber die Pferdeställe. Es erschien zum Zweck ihres Ausbaues ein Lieferant aus Berlin, der rasch alles ausmaß und in kürzester Zeit das Innere derartigen Veränderungen unterwarf, daß die Einwohner von C., und unter ihnen besonders alle Sportfreunde, neugierig herbeigeeilt kamen, um diesen Musterstall in Marmor, Mahagoni und Gußeisen in Augenschein zu nehmen. Es hieß, die ganze Einrichtung sei auf einer der letzten Weltausstellungen prämiiert worden. Und dann trafen endlich auch die Möbel und sonstigen Einrichtungsgegenstände ein. Der Tapezierer berichtete Wunderdinge von den Gemälden, Bildern, ausgelegten Schränken, Bronzen und sonstigen kostbaren Kunstsachen. Die Portièren und Gardinen waren meistens aus geblümtem chinesischem Seidenstoff gefertigt, und kein Tisch, kein Stuhl befand sich in der Sendung, der nicht hätte als ein Musterstück gelten können. Aber--und das erfüllte den Handwerksmeister mit gerechtem Erstaunen--fast nichts war heil und ganz, mit Ausnahme der ohne Zweifel dem Gebrauch des Grafen dienenden Möbel. Eine solche Beschädigung konnte nicht durch den Umzug entstanden sein, sie war sicher das Ergebnis einer grenzenlosen Unordnung und Vernachlässigung. Auf geschehene Meldung und Anfrage erfolgte keine Antwort, wohl aber erschien nach einigen Tagen der Haushofmeister, ein hagerer, ernst dreinblickender Mann, der erklärte, daß die gräfliche Familie ihm auf dem Fuße folge und jetzt keine Zeit mehr für Reparaturen...
This is a limited preview. Download the book to read the full content.
William Moore
1 year agoI had low expectations initially, however it manages to explain difficult concepts in plain English. I will read more from this author.